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- Manu

Beziehung gestalten, Konflikte klären

Dr. Nicole Berger sammelt in dieser kurzen Ausführung hilfreiche Tipps, wie im Schulalltag Beziehungen geklärt und verbessert werden können. Aufkeimende Konflikte oftmals eine Folge gestörter Kommunikation. Sie läd dazu ein, sich ein wenig zu hinterfragen und einen Anfang zu wagen, in eine bessere Kommunikation einzusteigen.

Beziehung Gestalten

Das Thema Beziehungen spielt im Lehrer:innenberuf eine wichtige Rolle, auch wenn oder gerade weil es häufig nicht offen thematisiert wird. Beziehung entsteht dabei nicht im luftleeren Raum oder aus dem Nichts heraus, Beziehung will gepflegt werden. Die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten und in positiver Weise aufrecht zu erhalten, bezeichnet der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Prof. Dr. med. Joachim Bauer als „Beziehungskompetenz“ und benennt in seinem 2006 erstmals erschienenen Buch „Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren.“ fünf Faktoren, aus denen sich die Beziehungskompetenz zusammensetzt und die sich auf die schulische Situation übertragen lassen (Ergänzungen der Autorin in Klammern):

  1. Sehen und Gesehen werden (z. B. eine Schüler:in als Individuum betrachten, dessen Sorgen und Nöte wahrnehmen, ernsthaft interessiertes Nachfragen, ein erkranktes Kind nach seiner Rückkehr in die Schule aufmerksam begrüßen, auch und gerade einem auffälligen Kind Wertschätzung entgegenbringen),
  2. Gemeinsame Aufmerksamkeit gegenüber etwas Drittem (z. B. einem gemeinsamen Projekt nachgehen oder etwas unternehmen, Fragen nach Hobbies und speziellen Interessensgebieten und Teilen der Begeisterung darüber),
  3. Emotionale Resonanz (z. B. Betroffenheit über Misserfolge oder belastende Ereignisse im Umfeld eines Kindes oder Jugendlichen, gemeinsame Freude über Erfolge und angenehme Ereignisse),
  4. Gemeinsames Handeln (z. B. die Renovierung des Klassenzimmers, bei der alle tatkräftig mit anpacken, die Pflege des Schulgartens oder der Kuchenverkauf in der Pause)
  5. Das wechselseitige Verstehen von Motiven und Absichten (z.B. keine vorschnellen Annahmen über die Motive einer Schüler:in treffen, sondern über diese in Dialog gehen, Motive des eigenen Handels offen legen, Selbstoffenbarungen, selektive Authentizität).

Lehrkräfte mögen sich nun fragen, wie es ihnen gelingen kann, zu allen Schüler:innen eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Dies ist in der Tat eine anspruchsvolle Aufgabe, jedoch auch eine, deren Erfüllung sich auszahlt, da eine stabile Lehrkraft-Schüler:in-Beziehung die Basis für gelingenden Unterricht bildet und als zuverlässiger Motivator dient. Oft genügen kleine Gesten, nonverbale oder verbale Signale, um die Beziehung zu einem bestimmten Kind oder Jugendlichen bzw. zu einer gesamten Klasse zu verbessern. Oder vielleicht versuchen Sie als erstes, die Beziehung zu einer Schüler:in zu verbessern, die Sie in der Vergangenheit häufiger als schwierig wahrgenommen haben?

Auch bei einer gelungenen Beziehungsgestaltung ist es allerdings möglich, dass Konflikte zwischen den verschiedenen am Schulsystem beteiligten Menschen auftreten. Häufig handelt es sich um Konflikte zwischen Lehrkraft und Schüler:in, aber auch im Verhältnis zu Eltern und Kollegen:innen können Störungen auftreten, wenn die Bedürfnisse der Beteiligten unterschiedlich sind. So kann beispielsweise der Wunsch einer Lehrer:in, in ruhiger Atmosphäre zu unterrichten, dem Drang einer Schüler:in, der Freund:in die neusten Wochenenderlebnisse mitzuteilen, widersprechen. Genauso kann das Bedürfnis der Eltern, die bestmögliche Förderung für ihr Kind zu bekommen, dem Bedürfnis der Lehrer:in nach einer fachgerechten Übertrittsempfehlung widersprechen.

Tritt ein Konflikt auf, so fühlen sich meist beide (bzw. alle) beteiligten Parteien dadurch belastet, und es lohnt sich daher, im Gespräch die unterschiedlichen Sicht- weisen und Bedürfnisse einander darzulegen und anschließend (!) gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Im Folgenden finden Sie einige Strategien, die in solchen schwierigen Gesprächen hilfreich sein können. Erfahrungsgemäß erfordert diese Art von Kommunikation et- was Übung, zahlt sich jedoch aus!

  • Bringen Sie der Gegenseite Wertschätzung entgegen. Würdigen Sie die Bereitschaft, aktiv an dem Gespräch teilzunehmen und den Konflikt klären zu wollen. Benennen Sie Dinge, die Ihnen an den anderen Personen positiv auffallen und sprechen Sie Ihre Anerkennung für die Bemühungen in der Vergangenheit aus - ohne einschränkendes "Aber". Wenn Sie davon ausgehen, dass Schüler:innen grundsätzlich interessiert daran sind, sich in der Schule wohl zu fühlen und alle Eltern das Beste für ihr Kind wollen, fällt es Ihnen vermutlich leichter, Ihrer Gesprächspartner:in positiv gegenüberzutreten, als wenn Sie negative Vorannahmen treffen.
  • Hören Sie aktiv zu. Signalisieren Sie, dass Sie Ihrer Gesprächspartner:in aufmerksam zuhören. Hierfür können Sie verbale Signale, z. B. ein gelegentliches "Mhm." oder nonverbale Signale wie Kopfnicken, Blickkontakt halten etc. einsetzen. Lassen Sie Ihr Gegenüber ausreden und fallen Sie ihr nicht ins Wort. Hören Sie sich in Ruhe ihre Sichtweise an, auch wenn Sie anderer Ansicht sind.
  • Wenden Sie Techniken des Paraphrasierens und Zusammenfassens an. Nach einer Phase des Zuhörens können Sie das, was Sie von Ihrem Gegenüber verstanden haben, in eigenen Worten zusammenfassen und sich ggf. rückversichern: „Habe ich Sie richtig verstanden, dass...“
  • Verwenden Sie Ich-Botschaften und Selbstoffenbarungen anstelle von Vorwürfen und Beschuldigungen. In konflikthaften Situationen setzen Menschen häufig Du-Botschaften ein: "Du störst ständig meinen Unterricht" oder "Sie müssen täglich kontrollieren, ob seine Hausaufgaben vollständig sind."" Diese führen meist dazu, dass die Gegenseite sich verteidigt oder ihrerseits einen Angriff startet. Im Gegensatz sind Ich-Botschaften leichter anzunehmen: "Ich ärgere mich darüber, wenn es in der Klasse so laut ist."
  • Die Ich-Botschaft kann mit einem Wunsch an die Andere noch erweitert werden: "Wenn Du Deine Materialien nicht dabei hast, vergeht sehr viel Zeit damit, Ersatz für Dich zu organisieren und das stört mich. Ich wünsche mir, dass Du abends überprüfst, ob Du alles eingepackt hast, was Du für den nächsten Tag brauchst." Grundsätzlich lassen sich Vorwürfe meist recht einfach zu Wünschen umformulieren und haben dann eine höhere Wahrscheinlichkeit, Gehör zu finden: "Ich möchte, dass Du mir jetzt zuhörst." statt "Du hörst mir nie zu!".
  • Konfliktlösung braucht Zeit. Versuchen Sie nicht, möglichst schnell eine Lösung vorzuschlagen, oder die andere Seite zum Einlenken zu bewegen. Erst wenn jede Partei ihre Sichtweise und die zugrunde liegenden Bedürfnisse dargestellt hat und dabei von der Gegenseite verstanden wurde, ist es sinnvoll, nach Lösungen zu suchen. Bewährt hat sich, zunächst mehrere mögliche Lösungen zu sammeln, und deren Bewertung bzw. die Auswahl der Lösungsstrategie erst im zweiten Schritt vorzunehmen. Die Visualisierung auf einem großen Blatt Papier kann helfen, den Überblick zu behalten und die Vor- und Nachteile verschiedener Lösungswege gegeneinander abzuwägen.
  • Vermittler:in oder Moderator:in einschalten: Kam es in der Vergangenheit bereits zu konflikthaften Gesprächen, so kann es sinnvoll sein, eine dritte Person einzubeziehen, die als Vermittler:in dient. Sie sollte von beiden Seiten als neutral wahrgenommen werden und nicht in einem Abhängigkeits- oder Vorgesetztenverhältnis zu einer der Konfliktparteien stehen, wie dies beispielsweise die Schulleitung tut. Daher eignen sich für diese Rolle Beratungslehrkräfte, Schulsozialarbeiter:innen oder die zuständige Schulpsychologische Beratungsstelle. Wichtig ist, dass das vermittelnde Gespräch von beiden Parteien gewünscht und nicht aufgezwungen ist. Im Fokus sollte ein gemeinsamer Neuanfang und das Suchen nach Lösungen stehen, weniger die Aufklärung von Geschehnissen aus der Vergangenheit.

All diese Strategien können dazu dienen, den Schulalltag etwas leichter und angenehmer zu machen. Manche brauchen etwas Übung und alle die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Mit welcher möchten Sie beginnen?

Dr. Nicole Berger, ehem. Redaktionsmitglied bei schulpsychologie.de